Geschichte


Die Kulturgemeinde Wangen wurde im September 1946 gegründet.

Der erste Vorsitzende war Karl Walchner.

Zum 70-jährigen Bestehen der Kulturgemeinde stellte Ingrid Sobez 2016 anhand der Dokumente und Fotos, die von Stadtarchivar Dr. Jensch gesammelt wurden, eine Rückschau auf die ersten Jahre der Kulturgemeinde nach Ende des Zweiten Weltkrieges zusammen.
Die Folien finden sich am Ende der Bildergalerie.

Über die Gründungsversammlung der Kulturgemeinde vom 11. September 1946 berichtete die Schwäbische Zeitung am 14. September:

Kulturgemeinde Wangen gegründet

Nach sorgfältigen Vorbereitungsarbeiten fand am Mittwoch abend im Festsaal des Rathauses die Gründungsversammlung der Kulturgemeinde Wangen statt. Die Schaffung dieser kulturpolitischen Einrichtung entspringt dem pflichtbewußten Verantwortungsgefühl der Stadtverwaltung, der Pflege und Förderung unseres überkommenen Kulturgutes die gerade in der Schwere der Gegenwart so notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Wie Bürgermeister Uhl in seiner Einführungsansprache über die Entstehungsgeschichte der städtischen Kulturgemeinde betonte, ist dem Ausschuß derselben die Funktion eines beratenden Organs des Bürgermeisters in allen kulturellen Angelegenheiten zugedacht. Eine breite Grundlage aber soll sie durch die aktive Mitarbeit aller auf kulturellem Gebiet tätigen Personen der Stadt Wangen finden. […]

Der Vorsitzende des Vorstandes, Buchdruckereibesitzer Karl Walchner, verbreitete sich nach Konstituierung der Kulturgemeinde in kurzen Umrissen über deren Aufgaben im besonderen Hinblick auf die eigenschöpferische kulturelle Vergangenheit der Stadt Wangen. Auf dem Gebiete von Musik und Gesang sei früher Großes geleistet worden. Er gab in diesem Zusammenhang der Hoffnung Ausdruck, daß auch die ehedem auf hoher Stufe stehende Stadtkapelle wieder zu neuem Leben erwachen möge. Ferner erinnerte er an das einst von den Vereinen und freien Dilettanten-Bühnen gepflegte Theaterwesen und verband damit den Wunsch, die in der einheimischen Bevölkerung schlummernden Kräfte für diese schöne Aufgabe frei zu machen. Die bildender Kunst sei in Wangen erfreulich gut vertreten. Eine große Ausstellung möge sie der Allgemeinheit erschließen. Als besonderes Anliegen bezeichnete der Vorsitzende die Erhaltung des prächtigen Stadtbildes und der alten Baudenkmäler, die sorgliche Pflege der Heimatkunde und die Sichtung und Ordnung des wertvollen städtischen Archives, womit bereits eine fachmännische Kraft beauftragt ist. Zum Schluß der denkwürdigen Gründungsversammlung dankte Verlagsdirektor Franz Walchner Bürgermeister Uhl für seine Initiative zur Erhaltung und Förderung der Kulturgüter der Stadt Wangen.

 


 

Für die Gründung der Kulturgemeinde war die Ermächtigung der französischen Militärregierung nötig. Diese war am 7. September 1946 erteilt worden.

 


 

Über die Ziele der Kulturgemeinde berichtete die Schwäbische Zeitung am 6. Dezember 1946:

Die neu gegründete Städtische Kulturgemeinde Wangen im Allgäu […] stellt es sich zur Aufgabe, einerseits Kunst und Wissenschaft zu fördern, andererseits kulturschädigende Einflüsse abzuwehren. Neben dem deutschen soll das gesamteuropäische Kulturgut voll berücksichtigt werden. Insbesondere widmet sich die Kulturgemeinde folgenden Gebieten: der Pflege von Musik, Gesang, Literatur, Theater und Vortragswesen. Weiterhin gilt der Bildenden Kunst und der Heimatpflege ihre Aufmerksamkeit. Außerdem ist es ihre Aufgabe, unter der Bevölkerung Liebe und Verständnis für echte Kulturgüter zu wecken und zu entwickeln. Alle Einflüsse und Bestrebungen, die diesem Zweck entgegenstehen, sollen ferngehalten und durch entsprechende erzieherische Mittel in richtige Bahnen gelenkt werden.

 


 

Auch in Wangen gab es unmittelbar nach Kriegsende schon eine Vielzahl von kulturellen Aktivitäten unterschiedlichster Art und wohl auch unterschiedlichstem Niveau, so dass die Schwäbische Zeitung schon am 8. 1. 1946 eine ”äußerst rege kulturelle Tätigkeit in unserer Stadt” vermelden konnte, aber auch ”mitunter des Guten fast schon zuviel” entdeckte: “Neben hochwertigen Darbietungen steht leider auch das Mittelmäßige, ja leider nicht einmal das.

Ein Jahr später, am 17. 1. 1947, ist sogar von einer “fast erdrückenden Fülle von Veranstaltungen der verschiedensten Kunstgebiete” die Rede.

 


 

Ein Schlaglicht auf die Bedingungen und Umstände der Kulturarbeit in der Nachkriegszeit wirft der Aufruf der Kulturgemeinde, Übernachtungsmöglichkeiten für Künstler zur Verfügung zu stellen:

Es ist beschämend und dem guten Ruf unserer alten ehemaligen Reichsstadt sehr abträglich, wenn Künstler, die uns Wangener ihre anerkannten Leistungen darbieten, vom Podium aus um Nachtquartier betteln müssen, was dann meistens noch ergebnislos ist.
Wenn wir Wangener uns der wahren Kulturgüter, vermittelt durch eine auserlesene, hochstehende Künstlerschaft erfreuen wollen, dann sind wir andererseits auch moralisch verpflichtet, den eingeladenen oder zugelassenen Künstlergruppen ein Asyl zu gewähren.
Die Abhilfe denken wir uns so:
Eine Anzahl von Familien gibt uns die Versicherung, im Bedarfsfalle einem oder mehreren Künstlern Nachtquartier zu gewähren. Die Schlafgelegenheit braucht nicht unbedingt aus einem Federbett zu bestehen. Nein, bei dem heutigen Mangel an Wäsche und Waschmitteln würde ein Sofa, ein Diwan usw. genügen. […] Unkosten für die Übernachtung bitten wir nicht den beherbergten Künstlern in Rechnung zu stellen, sondern sich durch die Städt. Kulturgemeinde entschädigen zu lassen.

 


 

Die Schwäbische Zeitung berichtet am 11. Juni 2005:

Menschen finden in der Kultur Trost

WANGEN – Die Kulturgemeinde Wangen ist heute aus dem kulturelle Leben der Stadt nicht mehr wegzudenken. Der 80-jährige Martin Schnitzer war von Anfang an mit dabei.

Von unserem Mitarbeiter Armin Peter

 

Die enge Verflechtung der Familie Schnitzer mit dem kulturellen Leben in Wangen reicht bis in die 20er-Jahre zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg lag die Kultur danieder und es herrschte viel Not. Überall suchten die Menschen Zerstreuung und fanden sie, da es damals weder Fernsehen noch Radio gab in Theatern, Kinos oder Konzerten, die ihnen, zumindest für einige Zeit, die Flucht aus der allzu tristen Realität ermöglichten. „Im Jahr 1924 eröffnete mein Vater, Anton Schnitzer, in unserem Tabakladen eine Konzertagentur. Er verpflichtete viele bekannte Künstler nach Wangen, außerdem Operettenbühnen und Orchester“, sagt Martin Schnitzer.

Einiges geboten

Bis in die frühen 30er-Jahre war in Wangen kulturell einiges geboten: 1926 wurde die erste Operette aufgeführt, „Alt-Heidelberg“, bei der der ältere Bruder von Martin Schnitzer, Hans, der ein ausgesprochen begabtes Sangestalent war, mitwirkte. 1929 kamen die Wiener Sängerknaben nach Wangen. Es folgte eine weitere Operette: „Waldvögelein“ (1930). Besonders vielfältig war das Programm 1932: Gleich zwei Operetten wurden auf die Beine gestellt: „Der fidele Bauer“, aufgeführt vom Liederkranz Wangen, sowie „Im weißen Rössl“. Im selben Jahr kam auch das Theaterstück „Hauptmann von Köpenick“ zur Aufführung. Ebenfalls 1932 gastierte der damals populäre Kabarettist und Alleinunterhalter Willy Reichert in Wangen. 1933 schließlich wurde die Verdi-Oper „La Travirata“ aufgeführt. Doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten ging auch an Wangen nicht spurlos vorüber. Schon 1933 wurde die erst drei Jahre zuvor gegründete „Theater-Gemeinde“ – ein Vorläufer der Kulturgemeinde – im Rahmen der Gleichschaltung verboten.

Ein jähes Ende

Auch die Aktivitäten der Agentur Schnitzer fanden bald ein jähes Ende, da Anton Schnitzer, der ein Gegner des Regimes war, sich strikt weigerte, der NSDAP beizutreten. Dies hatte zur Folge, dass seine Konzertagentur im Januar 1935 von den Nazis verboten wurde. „Irgendwann gab es dann nur noch Parteiveranstaltungen: vom Winterhilfswerk, der NS-Freundschaft oder der Organisation ,Kraft durch Freude'“, erinnert sich Martin Schnitzer. „Lediglich an Weihnachten 1942 war das anders. Damals gab unser Ältester, Hans Schnitzer, der in Berlin ein Gesangsstudium mit hervorragenden Noten absolviert hatte, ein Benefizkonzert vor ausverkauftem Haus. Der Erlös ging an das Winterhilfswerk. Da konnten die Nazis nichts dagegen sagen. Leider fiel der begabte Sänger am 20. Juli 1944 an der Ostfront.“

1945 lag das kulturelle Leben erneut komplett danieder. Die Franzosen unterbanden zunächst alle Aktivitäten. „Außerdem“, berichtet Schnitzer, „hatten sie die alte MTG-Turnhalle (die heutige Stadthalle), in der immer die Vorstellungen stattfanden, beschlagnahmt, so dass wir keinen geeigneten Raum hatten.“ Erst am 1. Oktober 1945 erhielt Anton Schnitzer von den Franzosen die Erlaubnis, wieder Künstler und Theater nach Wangen zu holen. In der alten Kinderschule, in der es einen Raum gab, der für zirka 180 bis 200 Personen Platz bot, fanden zunächst Liederabende statt. Ein bekannter Pianist dieser Zeit, Hans Priegnitz, gab Klavierkonzerte und einige Male kam auch das Professor Freundsche Streicherquartett. Das kulturelle Leben in Wangen sei 1945 auch wesentlich durch Flüchtlinge angeregt worden, so Schnitzer, da viele von ihnen aus größeren Städten kamen und sehr darum bemüht gewesen wären, das kulturelle Leben wieder anzukurbeln.

Nachdem die Franzosen die Turnhalle im Oktober 1945 geräumt hatten, wurde sie wieder für Theateraufführungen benutzt. Anfangs musste jede einzelne Veranstaltung von den Franzosen genehmigt werden. „Wir hatten schon damals viele bekannte Bühnen hierher geholt“, erinnert sich Martin Schnitzer, „anfangs nur welche aus der französischen Zone, so zum Beispiel das Hohenzollerische Landestheater Sigmaringen, das Landestheater Tübingen, die Deutsche Musikbühne Freiburg oder das Stadttheater Konstanz. 1946 erhielten auch Bühnen aus anderen Zonen Reiseerlaubnis, es kamen das Landesschauspiel Memmingen sowie die Städtische Bühne Ulm.“ Sämtliche Bühnen kamen auch in den folgenden Jahren immer wieder nach Wangen. „Die Großstädte waren alle zerbombt, da gab es meist keine Hallen, in denen sie hätten auftreten können. Bei uns gab es den Löwensaal (heutige Kreissparkasse), die MTG-Turnhalle (heutige Stadthalle) sowie die alte Kinderschule. Deswegen kamen oft auch große Theaterbühnen nach Wangen. Wir hatten damals sehr populäre Schauspieler hier, darunter Theodor Loos, Rudolf Fernau, Gustl Bayrhammer oder auch Erika von Thellmann, die aus Berlin angereist war. Da 1946 die Hotels noch von den Franzosen besetzt waren, stellte allerdings die Unterbringung und Verköstigung der Schauspieler oftmals ein Problem dar.“

Eine Riesensensation war der Besuch der „Berliner Skala“: „Ein Schauorchester mit einer zwanzigköpfigen Ballettgruppe, Zauberern und Jongleuren – es war die größte Menschenansammlung, die die Turnhalle je erlebt hatte.“ Im Winter 46/47 gab der damals bekannte Sänger Heinrich Schlusnus (Tenor) zwei Liederabende vor ausverkauftem Haus.

Satzung aufgestellt

Nach monatelangen Verhandlungen mit den Franzosen fand am 10. September 1946 im Wangener Rathaus die Gründungsversammlung der Kulturgemeinde Wangen statt, bei der auch eine Satzung aufgestellt wurde. Die endgültige schriftliche Genehmigung durch die Militärregierung kam am 12. Dezember 1946 – die Kulturgemeinde Wangen war entstanden. Anton Schnitzer organisierte noch bis zum Winter 1946/47 Dinge wie den Vorverkauf oder die Bestuhlung, sein Sohn Martin Schnitzer war bis 1951 im Vorstand, dann zog er sich daraus zurück, da er viel im Geschäft zu arbeiten hatte. „1951 hatten wir noch einmal eine sehr erfolgreiche Operette: «Gräfin Maritza“. Man kann sich kaum vorstellen, was in diesen Jahren hier in Wangen alles los war.“

Auch heute noch, fast 60 Jahre nach der Gründung, organisiert die Kulturgemeinde Wangen nach wie vor Veranstaltungen aller Art.